Organische Ordnungen

 

Zwischen floraler Fülle und formaler Reduktion:

Claudia Hoffmanns künstlerische Erforschung pflanzlicher Gestaltgebungen

 

Ranken, Dolden, Blüten und Blattwerk: Ausgangspunkt für Claudia Hoffmanns bildliche und skulpturale Kompositionen ist die vielfältige Formensprache der Pflanzen. Die Arbeiten der Künstlerin basieren auf unmittelbaren Naturbeobachtungen, die sie fotografisch und zeichnerisch festhält und in einem stetig wachsenden Archiv vegetabiler Motive sammelt. Hieraus schöpft sie die ästhetischen Grundelemente, die sie in ihrer Malerei, ihren Collagen und Skulpturen zu organischen Ornamenten reduziert und verdichtet. Die Form steht nach eigenem Bekunden von Claudia Hoffmann im Vordergrund, "auch in der räumlichen Erscheinung".

 

Ihre Bildräume beziehen Spannung aus dem Zusammenspiel von Fläche und Vertiefung, malerischer Expression und grafischer Präzision, während die skulpturalen Raumbilder zu minimalistischen Strukturen abstrahiert sind. Der leuchtenden Farbigkeit ihrer aktuellen malerischen Arbeiten, in denen Aquarell- und Acrylfarben, Buntstifte, Lacke, collagierte fotografische und andere Bildfragmente zum Einsatz kommen, steht die "neutrale", spröde Materialität ihres bevorzugten skulpturalen Materials Beton gegenüber. Dem urbanen Umfeld entnommen, widersetzt sich Beton als künstlerischer Baustoff vom Prinzip her gleich mehrfach der natürlichen Dynamik pflanzlichen Wachstums, um die Claudia Hoffmanns bildliche und bildhauerische Werke gleichermaßen kreisen.

 

Doch aktiviert die Künstlerin das statische Material mittels ihrer floralen Motivik, setzt es gleichsam in Bewegeung und verleiht ihm Anmut und Leichtigkeit. Umgekehrt macht sie durch den Abstraktionsprozess die inhärente, naturgegebene formale Ordnung des Floralen sichtbar. Die Parallelstränge, denen sie in ihrem Werk fogt - die Dynamisierung des Schweren, Unbeweglichen und das Ordnen und Bändigen der "wilden" Form durch dessen Verbildlichung -, schließen sich keineswegs aus, sondern ergänzen sich gegenseitig und greifen ineinander. Während Betonskulpturen wie Seed Head (2016) oder Cut (2015) nicht sogleich ihre optisch-gestalterische Herkunft (hier spezifisch die doldenartige Korbblütenform einer wilden Möhre) offenbaren, sind die visuellen Bezüge zur Pflanzenwelt in den jüngsten, wie von innen heraus strahlenden Bilder direkter zu erkennen.

 

In semitransparenten Schichten aufgebaut, die wie feine, irisierende Schleier übereinanderliegen, kontrastieren letztere Arbeiten mit der materiellen Kompaktheit der Skulpturen. Dabei komplementieren sich beide ästhetische Manifestationen wie eine Substanz, die in verschiedenen Aggregatzuständen - fest und flüssig - in Erscheinung tritt. Claudia Hoffmanns zwei- und dreidimensionalen Bildwerke entspringen buchstäblich der Wirklichkeit der Natur und ihren mannigfaltigen Gestaltgebungen. Wie eine Forscherin begibt sich die Künstlerin lernend, entdeckend, reflektierend auf die Spur der natürlichen Formen pflanzlichen Wachstums und lässt uns, die Betrachter, an den gefundenen, durch ästhetische Aneignung und Verwandlung freigesetzten Wundern und Rhythmen teilhaben.

 

Belinda Grace Gardner   2017